Maria

Häufig schläft sie weinend ein,
die Decke über sich gezogen,
wünscht sich manchmal, tot zu sein,
fühlt sich von der Welt betrogen.

Geboren erst in späten Jahren
als strenger Eltern jüngstes Kind
hat sie kaum einmal erfahren,
was Zuneigung und Liebe sind

Klein gewachsen, zart gebaut,
musste sie oft Spott ertragen,
hat sich meistens nicht getraut,
jemandem ihr Leid zu klagen.

Lange fand sie keinen Mann,
die Schüchternheit war eine Hürde.
Ein Freund der Eltern war es dann,
der sie in die Ehe führte.

Das Paar gab erst ein schönes Bild,
doch es wandelte sich bald,
von dem, was meist als Liebe gilt,
hin zu Abscheu und Gewalt.

Ein Kind sollte die Ehe retten
und dem Paar Erfüllung bringen,
die Eltern aneinander ketten –
doch es wollte nicht gelingen.

Ihr erstes Kind nahm ihr der Tod,
als sie im fünften Monat war.
Ihr Mann hat fürchterlich getobt,
weil sie ihm kein Kind gebar.

Ein Jahr später konnte sie
ihm die Zwillingssöhne schenken.
Es gelang ihr dennoch nie,
die Beziehung einzurenken.

Auch die Kleinen lernten schnell,
was der Vater ihnen zeigte,
so dass individuell
jedes auch zu Jähzorn neigte.

Der große Schritt, sich los zu sagen,
ist ihr niemals ganz geglückt,
einen Neuanfang zu wagen,
wurde schon im Keim erstickt.

Wie gerne wäre sie einmal
im Frühling durch Paris gezogen
oder auf die Insel Sal
zu Sonne, Strand und Meer geflogen.

Doch die Wünsche sind vergangen,
wie Bilder mit der Zeit verblichen,
Träume sind im Schlaf gefangen
und dem grauen Sein gewichen.

Nun entflieht sie dieser Welt
aus Kummer, Schmerz und Leid,
dem Ort, an dem sie nichts mehr hält,
bei nächstbester Gelegenheit.

Jetzt steht sie auf dem Dach und hört,
wie jemand wütend nach ihr ruft.
Doch diesmal ist sie nicht verstört
und holt stattdessen ganz tief Luft.

Zum ersten Mal in ihrem Leben
ist sie bereit für einen Schnitt,
fasst sich ein Herz – die Lippen beben –
und macht den letzten großen Schritt.

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